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Warum Menschen sich impfen lassen

ISS Wissenschaftler:innen ermitteln, welche Faktoren die Impfbereitschaft der Menschen bestimmen.

Ein junger Mann auf einem Hocker sitzend mit Maske und auffälligem Pflaster auf dem Bizeps blickt in die Kamera

Über zwei Jahre hat ein Team um Daniel Seddig vom Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der WiSo-Fakultät der Universität zu Köln die Impfbereitschaft der Deutschen in der COVID-19 Pandemie untersucht. Ob Menschen sich impfen lassen oder nicht, hängt demnach vor allem von ihren Einstellungen zum Impfen ab. Sozialer Druck scheint dagegen kaum wirksam. Für die Politik hat das einige Implikationen.

Ob im Herbst oder Winter eine weitere COVID-Welle anrollt, ist derzeit auch unter Expert:innen umstritten, ebenso wie ihre mögliche Höhe. Die deutsche Debatte um Impfungen hat allerdings bereits Anfang April einen Scheitelpunkt erreicht, mit der Ablehnung von gleich vier Vorlagen für oder gegen eine Impflicht bei der entsprechenden Abstimmung im deutschen Bundestag.

Eine allgemeine Impfpflicht scheint damit zunächst in weite Ferne gerückt. Gleichzeitig herrscht weitgehender Konsens darüber, dass erfolgreiche Kampagnen zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie zumindest zum Teil von der Bereitschaft der Menschen abhängen, sich impfen zu lassen. Umso wichtiger ist es die Faktoren zu verstehen, die die Impfabsichten der Menschen bestimmen.

Diese Faktoren zu identifizieren war ein wesentliches Ziel der Studie „Correlates of COVID-19 vaccination intentions: Attitudes, institutional trust, fear, conspiracy beliefs, and vaccine skepticism“ von Daniel Seddig, Dina Maskileyson, und Eldad Davidov vom Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität zu Köln (ISS). Gemeinsam mit ihren Kollegen Peter Schmidt (Universität Gießen) und Icek Ajzen (University of Massachusetts Amherst) haben Sie die Impfbereitschaft während der COVID-19 Pandemie in Deutschland untersucht, vor dem Hintergrund der Theorie des geplanten Handelns, eines sozialpsychologischen Modells zur Erklärung von Handlungsabsichten, menschlicher Werte sowie Vertrauen und Misstrauen in politische und wissenschaftliche Institutionen. Für die Studie wurden in drei Erhebungswellen im April und August 2021 sowie im Januar 2022 online 5044 Bürger:innen im Alter von 18 bis 74 Jahren in Deutschland befragt.

Die Ergebnisse für April 2021 (also für die frühe Phase der Impfkampagne) zeigten nun, dass sich die Absicht der Menschen, sich impfen zu lassen, überwiegend aus der Einstellung der Menschen zur Impfung vorhersagen ließ. Ob sich Menschen impfen lassen oder nicht, beruht demnach am deutlichsten auf der persönlichen Überzeugung, dass die Durchführung des Verhaltens für sie selbst zu positiven oder negativen Ergebnissen führen wird. Erwartungen „von außen“, etwa von Ehe- oder Lebenspartnern, Familien, Freunden oder Kolleg:innen spielten hingegen keine bedeutende Rolle. Ebenso hatte es keinen Einfluss auf die Impfentscheidung, ob die Befragten es für einfach oder schwierig hielten, an eine Impfung zu kommen.

Hintergrundfaktoren wie der Grad des Vertrauens in politische oder wissenschaftliche Institutionen, Gesundheitszustand, Religiosität oder politische Orientierungen wirkten sich der Untersuchung zufolge indirekt über die Einstellungen der Menschen auf ihre Impfentscheidungen aus. Dabei unterstützten das Vertrauen in die Wissenschaft und die Angst vor COVID-19 besonders eine positive Einstellung zur Impfung, während negative Einstellungen mit der Akzeptanz von Verschwörungstheorien und Skepsis gegenüber Impfstoffen im Allgemeinen einhergingen.

Politischen Entscheidungsträgern, Ärzten und Gesundheitsdienstleistern raten die Autor:innen daher, um der Impfzurückhaltung entgegenzuwirken und positive Einstellung zur Impfung zu fördern, insbesondere die positiven persönlichen Folgen der Impfung gegen COVID-19 hervorzuheben, wie die Vermeidung von schweren Krankheiten, Tod und langfristigen Gesundheitsschäden. Das könnte sich als erheblich wirksamer erweisen, als etwa sozialen Druck auszuüben oder auf die Einfachheit der Impfung hinzuweisen.