Jump to main content

Werner Geissler im Interview

Unser Alumnus Werner Geissler studierte Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln und schloss sein Studium 1979 als Diplom-Kaufmann ab. Im Anschluss begann er eine internationale Managementkarriere bei Procter & Gamble, wo er über einen Zeitraum von fast 36 Jahren tätig war. Nach ersten Stationen im Marketing- und Brandmanagement übernahm er zunehmend globale Führungsaufgaben, darunter Positionen als Marketing Director für Deutschland und die Niederlande, General Manager des neu geschaffenen Kosmetik- und Parfüm-Bereichs sowie Vice President für Luxusparfüms Western Hemisphere mit Sitz in Santa Monica. Anschließend war er Vice President für den Geschäftsbereich Wasch-, Reinigungs- und Papierprodukte in Deutschland sowie ab 1998 Leiter des Geschäfts in der Türkei, Kaukasien und Zentralasien in Istanbul, ehe er 2001 Präsident für P&G Nordostasien mit Wohnsitz in Kobe/Japan wurde. Ab 2004 war er verantwortlich als Group President für Zentral- und Osteuropa, dem Nahen Osten und Afrika mit Sitz in Genf. Von 2007 bis 2015 gehörte Werner Geissler als Vice Chairman Global Operations zur obersten Führungsebene von Procter & Gamble in Cincinnati und trug weltweite Verantwortung für die operativen Geschäfte des Konzerns. Seit seinem Ausscheiden 2015 ist Werner Geissler weiterhin international aktiv, unter anderem als Operating Partner beim Private-Equity-Fonds Advent International sowie als Mitglied in den Aufsichtsgremien globaler Unternehmen wie Philip Morris International und Goodyear Tire & Rubber Company. Im Alumni-Interview sprachen wir mit ihm darüber, welche Kompetenzen aus seiner Sicht heute entscheidend für eine globale Karriere sind, warum er während seiner eigenen Karriere immer Kontakt zur akademischen Welt gehalten hat und warum er heute mit einem Deutschlandstipendium einen Studenten der WiSo unterstützt.

Ehrgeiz, sein Bestes zu geben, Unternehmenslust und Risikobereitschaft, die ausgetretenen Pfade in einem Unternehmen zu verlassen, kulturelle Bandbreite bzw. die Fähigkeit, sich unterschiedlichen Kulturen anzupassen und herauszufinden, wie man in diesen erfolgreich sein kann. Das sind auch heute noch die wesentlichen Faktoren, die über Erfolg oder Misserfolg in globalen Führungspositionen entscheiden.

Werner Geissler

Lieber Herr Geissler, Sie haben 1979 Ihren Abschluss an der Uni Köln gemacht. Weshalb haben Sie sich damals für die WiSo entschieden? Und welche Erinnerungen oder prägenden Erfahrungen verbinden Sie heute noch mit Ihrer Zeit in Köln?

Ich wollte schon immer „General Manager“ werden und ein BWL-Studium erschien mir die beste Vorbereitung bzw. das beste Sprungbrett dafür. Die WiSo-Fakultät an der Uni Köln hatte damals, so wie auch heute, einen hervorragenden Ruf. Also lag es nahe, dort zu studieren. 

Ich habe tolle Erinnerungen an diese Zeit. Ich kam aus einem kleinen Dorf im Westerwald und Köln war eine Weltstadt, zumindest relativ gesehen. Das Studium war eine prägende Erfahrung, da man selbständig entscheiden musste, welche Vorlesungen man belegt und auch besucht. Ich habe sehr viel Zeit als studentische Hilfskraft am BIFOA, dem Betriebswirtschaftlichen Institut für Organisation und Automation verbracht, weil es mich sehr interessierte und weil ich das Einkommen brauchte.  Das Forschungsgebiet dort war „Cutting Edge“ und völlig neu in Deutschland. Letztendlich hat die Forschung zu betrieblichen Informationssystemen am BIFOA zu Anwendungen wie SAP geführt. Meine Erfahrung war, dass man mit entsprechendem Ehrgeiz an der Uni alles machen kann, man muss es nur wollen und dass man seines Glückes Schmied ist! 

Unmittelbar nach Ihrem Abschluss haben Sie eine internationale Managementkarriere bei Procter & Gamble gestartet, bis zu Ihrem Ausscheiden 2015 waren Sie als Vice Chairman Global Operations Teil der obersten Führungsebene und trug weltweit Verantwortung für die operativen Geschäfte des Konzerns. Insgesamt sind Sie dem Unternehmen fast 36 Jahre treu geblieben. Was hat Sie motiviert, über Jahrzehnte hinweg Karriere im selben Unternehmen zu machen?

P&G ist ein hervorragendes Unternehmen mit einer tollen Firmenkultur, die wesentlich auf dem Konzept der „Beförderung aus den eigenen Reihen“ beruht. Dieses Konzept bedingt, dass man die besten Absolventen rekrutiert, sehr viel in deren Entwicklung bezüglich fachlicher Kompetenz und Führungsqualität investiert und ein Umfeld schafft, dass motivierend ist und unerwünschte Fluktuation minimiert. Da man im Prinzip nur befördert werden kann, wenn man seinen eigenen Nachfolger bzw. Nachfolgerin herangezogen hat, besteht ein hoher Anreiz, sich um seine Untergebenen und Mitarbeiter zu kümmern. 

Ich hatte dann persönlich auch noch das Glück, dass mir sehr viele Karriereoptionen innerhalb des Unternehmens angeboten wurden, die entweder auf dem Einstieg in neue Geschäftsfelder (z.B. Kosmetika und Parfüme) oder neue Regionen (z.B. Zentralasien oder Afrika) basierten. Und überall arbeitet man mit Spitzenleuten zusammen, so dass man intellektuell ständig gefordert war. Für mich war Arbeiten bei Procter vergleichbar mit dem Spielen in der Champions League! 

Meine Erfahrung war, dass man mit entsprechendem Ehrgeiz an der Uni alles machen kann, man muss es nur wollen und dass man seines Glückes Schmied ist!

Werner Geissler

Auch heute streben viele junge Absolventinnen und Absolventen der WiSo eine internationale Managementkarriere an. Welche Kompetenzen haben Ihnen geholfen, sich innerhalb eines großen, internationalen Konzerns kontinuierlich weiterzuentwickeln und neue Herausforderungen anzunehmen und zu meistern? Und welche Kompetenzen und welches Mindset sind aus Ihrer Sicht heute entscheidend für globalen Führungserfolg?

Stichwortartig würde ich folgende Kompetenzen bzw. Charakteristika aufzählen: Ehrgeiz, sein Bestes zu geben, Unternehmenslust und Risikobereitschaft, die ausgetretenen Pfade in einem Unternehmen zu verlassen, kulturelle Bandbreite bzw. die Fähigkeit, sich unterschiedlichen Kulturen anzupassen und herauszufinden, wie man in diesen erfolgreich sein kann. Das sind auch heute noch die wesentlichen Faktoren, die über Erfolg oder Misserfolg in globalen Führungspositionen entscheiden. „Networking“ ist wichtig, aber diese mehr fundamentalen Kompetenzen und Eigenschaften sind viel wichtiger, zumindest für den langfristigen und nachhaltigen persönlichen Erfolg. 

Ich habe übrigens immer Kontakt zur akademischen Welt gehalten, um sicherzustellen, dass ich Zugang zu dem neuesten Management und Leadership Know How hatte. Zum Beispiel war ich über 10 Jahre auf dem Supervisory Board von IMD in Lausanne, einer der Top Managementschulen weltweit. Eine Zeitlang war ich auch Visiting Professor an der China Executive Leadership Academy in Pudong/Shanghai. 

Entscheidend ist meines Erachtens, dass man ein internationales Assignment nicht primär als Karrieresprungbrett betrachtet, sondern als Möglichkeit, einen Beitrag zum Unternehmenserfolg in einem neuen, oftmals sehr herausfordernden Umfeld zu leisten und den einheimischen Beschäftigten hilft, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und auszubauen. Wenn man das effektiv macht, arbeitet jeder zusammen am Erreichen sehr guter Resultate, auf die dann der Karrieresprung folgt. 

Wir sind rund zehnmal international umgezogen, was für unser beiden Töchter zehnmal neue und zum Teil völlig andere Schulen und Klassenkameraden sowie für meine Frau zehnmal den Aufbau eines neuen sozialen Netzwerks bedeutete.

Werner Geissler

Ein wichtiger Faktor, der hier erwähnt werden muss, ist die Unterstützung durch die Familie. Wir sind rund zehnmal international umgezogen, was für unser beiden Töchter zehnmal neue und zum Teil völlig andere Schulen und Klassenkameraden sowie für meine Frau zehnmal den Aufbau eines neuen sozialen Netzwerks bedeutete. Das ist immer mehr oder weniger problemlos gelaufen, trotz unterschiedlicher Kulturen, wie zum Beispiel die Türkische, Japanische, Schweizerische oder Amerikanische und hat so dafür gesorgt, dass ich mich sehr stark auf meine jeweiligen neuen Positionen innerhalb der Firma konzentrieren konnte.

Nach Ihrer operativen Karriere haben Sie Mandate in Aufsichtsgremien und im Private-Equity-Umfeld übernommen, haben also immer noch einen guten Einblick in heutige Unternehmenspraxis. Inwiefern unterscheiden sich der Karriereeinstieg und Entwicklungsmöglichkeiten bei einem globalen Unternehmen Ende der 1970er-Jahre von den Möglichkeiten, die Absolventinnen und Absolventen heute vorfinden? 

Also heute ist alles viel internationaler und weltoffener. Viele Studenten haben Studien- und Praktikaerfahrungen im Ausland und sind deshalb schon besser darauf vorbereitet, international zu arbeiten und erfolgreich zu sein. Durch Social Media werden Bekanntschaften und Austausch mit anderen Menschen auf globaler Ebene ermöglicht. Die meisten Absolventen sprechen zwei oder drei Sprachen fließend, im Gegensatz zu mir. Ich hatte in der Schule Latein und Griechisch und musste Englisch erst mühsam an der Uni, und dann auf professionellem Niveau im Unternehmen lernen. 

Ich würde auch sagen, dass Unternehmen heute generell besser darauf eingestellt sind, internationale Karrierewege zu designen und zu offerieren. P&G war diesbezüglich zu meiner Zeit eher eine Ausnahme bzw. Vorreiter.

Was sich noch geändert hat im Vergleich zu der Zeit vor 25 oder 30 Jahren sind zwei wichtige Faktoren. Erstens gibt es heutzutage viel mehr Dual Career Konstellationen, die es manchmal schwierig machen, alle relevanten Interessen unter einen Hut zu bringen. Bei uns war das etwas leichter, weil meine Frau auch bei Procter gearbeitet hatte und zu Beginn unserer Reise um die Welt „location free jobs“ machen konnte. Zweitens sind die finanziellen Anreize für Ex-Pats aus Kostengründen zurückgeschraubt worden, speziell auf den Ebenen bis Middle Management. Es ist schade, dass deswegen manchmal Auslandsaufenthalte, auch von hervorragenden Kandidaten, abgelehnt werden. 

Ich habe der Uni Köln so viel zu verdanken in Hinsicht auf meine persönliche Entwicklung und meinen professionellen Erfolg, dass ein Deutschlandstipendium nur ein bescheidenes Payback ist.

Werner Geissler

Darüber hinaus engagieren Sie sich heute für die Universität zu Köln und fördern bspw. seit diesem Jahr mit einem Deutschlandstipendium einen Studenten der WiSo, der so finanziell aber auch als Mentee unterstützt wird. Wie kam es dazu und was hat Sie dazu bewogen, Ihrer Alma Mater in dieser Form etwas zurückzugeben?

Ich bin bei zufälligem Surfen auf der Uniwebsite auf diese Möglichkeit gestoßen und war sofort von dem Projekt angetan und entschloss mich spontan, mich hier finanziell zu engagieren. Ich habe der Uni Köln so viel zu verdanken in Hinsicht auf meine persönliche Entwicklung und meinen professionellen Erfolg, dass ein Deutschlandstipendium nur ein bescheidenes Payback ist, das aber zugleich für den Stipendiaten doch eine große finanzielle Erleichterung bedeutet. 

Könnten Sie zum Abschluss den folgenden Satz vervollständigen: Denke ich an meine Studienzeit in Köln zurück, denke ich…

… an die nahezu grenzenlose Freiheit, die man hatte während den aufregenden Jahren zwischen Schulabschluss und Berufseinstieg. An die Karriereträume, von denen man noch nicht wusste, ob und wie sie sich verwirklichen lassen könnten. An die vielen interessanten Diskussionen mit Professoren und Dozenten und nicht zuletzt an die vielen Kölsch, die man mit seinen Kommilitonen in den Kneipen um die Uni herum konsumiert hat.

Und was würden Sie unseren Studierenden noch gerne mit auf den Weg geben? Haben Sie drei Tipps fürs Studium? 

1. Träumen von den Möglichkeiten, die ein erfolgreiches Studium eröffnet. 2. Fokussieren auf das, was zu einem erfolgreichem Studienabschluss erforderlich ist. „Carpe diem“ ist ein relevantes Motto hier. 3. Realisieren, dass es neben dem Studium noch andere interessanten Sachen gibt. „Non scholae sed vitae discimus“ gilt auch für die Uni.

Lieber Herr Geissler, ich danke Ihnen herzlich für Ihre Zeit und für das Gespräch!


Die Fragen stellte Pascal Tambornino

Über das Deutschlandstipendium

Das Deutschlandstipendium ist ein bundesweites Förderprogramm, das Studierende unterstützt, deren Werdegang herausragende Leistungen in Studium und Beruf verspricht. Die Stipendiat:innen erhalten über einen Zeitraum von einem Jahr monatlich 300 Euro, wobei die eine Hälfte vom Bund und die andere Hälfte von privaten Förderern wie Unternehmen, Stiftungen oder Privatpersonen finanziert wird. Neben finanzieller Unterstützung können Förderer und Stipendiat:innen auch von einem engen Austausch profitieren. Seit 2009 wurden an der Universität zu Köln rund 4.500 Stipendien mit 16,2 Millionen Euro unterstützt.

Sie möchten sich ebenfalls für das Deutschlandstipendium engagieren und Studierende der WiSo Fakultät bzw. der Universität zu Köln unterstützen? Informieren Sie sich hier über die Möglichkeiten. Daneben gibt es weitere vielfältige Möglichkeiten, wie Sie Ihrer Alma Mater etwas zurückgeben können