Monika Schnitzer im Interview
Unsere Alumna Professorin Dr. Dr. h.c. Monika Schnitzer studierte Volkswirtschaftslehre an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln und schloss ihr Studium 1986 ab. Anschließend wurde sie an der Universität Bonn promoviert, wo sie sich 1995 auch habilitierte. Seit 1996 ist sie Professorin für VWL an der Ludwig-Maximilians-Universität München und war zudem als Gastprofessorin an renommierten US-Universitäten wie Stanford, Yale, Berkeley und Harvard tätig. Seit 20 Jahren berät Monika Schnitzer die Bundesregierung und die Europäische Kommission in wirtschaftspolitischen Fragen. Im April 2020 wurde sie in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen und ist somit Teil der sogenannten Wirtschaftsweisen. Seit Oktober 2022 steht sie dem Gremium vor – als erste Frau in seiner fast sechzigjährigen Geschichte. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Innovation, Wettbewerbspolitik und multinationale Unternehmen. Im Alumni-Interview sprachen wir mit ihr über prägende Begegnungen und intellektuelle Vielfalt während ihrer Kölner Studienzeit, über die Herausforderung, wissenschaftliche Evidenz verständlich und wirksam in den politischen Diskurs zu übersetzen und darüber, wie Chocolate Cookies mitunter selbst Nobelpreisträger in Seminare locken.
Der Transfer gelingt am besten, wenn beide Seiten ihre Rollen klar verstehen: wenn Wissenschaft transparent über Annahmen und Grenzen kommuniziert und Politik Evidenz ernst nimmt, ohne „hundertprozentige“ Zukunftsprognosen zu erwarten.
Liebe Frau Professorin Schnitzer, Sie haben an der WiSo Volkswirtschaftslehre studiert und 1986 abgeschlossen. Während des Studiums – und später auch noch während Ihrer Promotion an der Uni Bonn – haben Sie bei Professorin Eva Bössmann am Lehrstuhl gearbeitet. Welche Erinnerungen oder prägenden Erfahrungen verbinden Sie heute noch mit Ihrer Zeit an der WiSo?
Es war eine sehr anregende Zeit – fachlich wie menschlich. Prägend waren dabei ganz unterschiedliche Lehrstile und Denkschulen. Bei Eva Bössmann, der einzigen Frau an der Fakultät zu dieser Zeit, habe ich früh gelernt, die US-amerikanische Forschung im Blick zu haben, zu einer Zeit, in der das an keine Selbstverständlichkeit war. Hans-Karl Schneider und Herbert Hax – beide Mitglieder und nacheinander Vorsitzende im Sachverständigenrat – haben ihre wirtschaftspolitische Erfahrung in die Lehre hineingetragen und gezeigt, wie ökonomische Einsichten in die Praxis hineinwirken. In der Finanzwissenschaft wiederum standen Klaus Mackscheidt und Karl-Heinrich Hansmeyer für unterschiedliche Ansätze, an denen man seine eigenen Argumente schärfen konnte. Und dann waren da die jungen Professoren an der Fakultät, Bernhard Felderer und Werner Güth: Vom einen habe ich Makro gelernt, beim anderen kam ich zum ersten Mal mit Spieltheorie in Berührung, ein Gebiet, das mich sofort faszinierte. Während meiner Promotionszeit kam schließlich Carl Christian von Weizsäcker an die Fakultät; in seinen Forschungsseminaren wurde heiß diskutiert, und nicht selten gingen die Gespräche beim Kölsch bis spät in die Nacht weiter.
Diese Vielfalt – jede und jeder mit einer eigenen Art zu denken und zu argumentieren – hat mich inspiriert, meinen eigenen Zugang zur Volkswirtschaftslehre zu finden. Wenn ich nicht gerade im Hörsaal oder in der Bibliothek war, habe ich mich bei AIESEC engagiert und dadurch viel Kontakt zu Unternehmen gehabt. Gerade dieses Nebeneinander von Theorie und Praxis fand ich damals – und finde ich bis heute – besonders spannend.
Diese Vielfalt – jede und jeder mit einer eigenen Art zu denken und zu argumentieren – hat mich inspiriert, meinen eigenen Zugang zur Volkswirtschaftslehre zu finden.
Zu Ihrer Studienzeit in Köln war die Volkswirtschaftslehre an der WiSo vor allem geprägt vom Ordoliberalismus, dem geistigen Gerüst der Sozialen Marktwirtschaft. Mit Ihrer heutigen Perspektive und langjährigen Erfahrung: Wofür steht die WiSo Ihrer Meinung nach heute, fast 40 Jahre später?
Unser Fach hat sich methodisch enorm weiterentwickelt – und mit ihm die Themenbreite. Empirische Arbeit mit großen Datensätzen, Feld- und Laborexperimente und methodisch saubere Wirkungsanalysen sind heute selbstverständlich; das sieht man auch an der WiSo-Fakultät sehr deutlich, die international sehr sichtbar und stark aufgestellt ist. Gleichzeitig ist die Ausbildung breiter und modularer geworden: Am VWL-Department – diese Struktur gab es zu meiner Studienzeit noch nicht – kann man heute in nahezu alle Teilbereiche eintauchen und sich als Student:in deutlich individueller spezialisieren.
Seit 2020 sind Sie Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, den sogenannten Wirtschaftsweisen. 2022 wurden Sie zur Vorsitzenden gewählt. Wie verstehen Sie den Kernauftrag des Gremiums – eher als Beobachter, als Warner oder als Impulsgeber für wirtschaftspolitische Reformen?
Am besten alles zusammen. Das Besondere am Sachverständigenrat ist seine gesetzliche Verankerung. Wir sollen die gesamtwirtschaftliche Lage und ihre absehbare Entwicklung darstellen und zugleich auf mögliche Fehlentwicklungen hinweisen. Seit meiner Berufung 2020 haben wir mehrere Krisen erlebt, entsprechend groß war die Nachfrage nach Einordnung, sowohl aus der Politik als auch aus der Öffentlichkeit. Entscheidend ist dabei, unsere Einschätzungen wissenschaftlich belastbar zu begründen – idealerweise mit empirischer Evidenz. Daran sieht man übrigens auch, wie stark sich die Volkswirtschaftslehre verändert hat: In meiner Studienzeit spielten empirische Studien eine deutlich kleinere Rolle als heute.
In mehreren Runden ringen wir um Argumente und am Ende tatsächlich um jeden Satz, manchmal um einzelne Wörter. Meist finden wir einen tragfähigen Kompromiss.
Neben Ihnen gehören vier weitere Wirtschaftswissenschaftler:innen dem Gremium an, unter anderem auch Professor Achim Truger, ebenfalls Alumnus der WiSo, sowie Professorin Veronika Grimm, die sich an der WiSo habilitiert hat. Wie geht der Rat mit unterschiedlichen ökonomischen Schulen und intensiven internen Diskussionen um, um am Ende zu gemeinsamen Empfehlungen zu kommen?
Auch hier ist der Sachverständigenrat besonders. Traditionell wird je ein Ratsmitglied von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite vorgeschlagen, drei weitere von der jeweils amtierenden Bundesregierung. Die Berufungen sind zeitlich versetzt – jedes Jahr kommt ein Mitglied neu hinzu oder ein Mitglied wird verlängert. Dadurch verändert sich das Gremium regelmäßig, und neue Expertisen und Perspektiven kommen hinzu.
Wir treffen uns im Schnitt ein- bis zweimal pro Monat für ein paar Tage, in der Gutachtenphase häufiger. In mehreren Runden ringen wir um Argumente und am Ende tatsächlich um jeden Satz, manchmal um einzelne Wörter. Meist finden wir einen tragfähigen Kompromiss. Und wenn nicht, ist das transparent geregelt: Abweichende Positionen können als Minderheitsvotum veröffentlicht werden.
Durch Forschungsaufenthalte an US-Universitäten wie Stanford, Yale, Berkeley und Harvard haben Sie auch eine internationale Perspektive. Welche Rolle spielt diese Prägung für Ihre ökonomischen Einschätzungen und Ihre wissenschaftliche Arbeit?
Diese Aufenthalte haben meinen ökonomischen Blick nachhaltig geprägt – vor allem den Anspruch an methodische Rigorosität. Ich habe dort immer wieder erlebt, wie wichtig der akademische Diskurs ist: die intensive, kritische Auseinandersetzung mit Ergebnissen, das ständige Testen von Annahmen, das „Nachbohren“, bis eine Aussage wirklich trägt. Dieser internationale Austausch hilft mir bis heute, Fragestellungen schneller einzuordnen und Handlungsoptionen zu formulieren, die wissenschaftlich fundiert und zugleich kontextsensibel sind. Was ich dort auch gelernt habe, ist, wie Anreize funktionieren. Bei den Forschungsseminaren gab es meistens einen „free lunch“. So war der Raum immer gut gefüllt und auch der eine oder andere Nobelpreisträger kam vorbei, um sich einen Chocolate Cookie abzuholen.
Bei den Forschungsseminaren gab es meistens einen „free lunch“. So war der Raum immer gut gefüllt und auch der eine oder andere Nobelpreisträger kam vorbei, um sich einen Chocolate Cookie abzuholen.
Durch Ihre Funktion als Vorsitzende des Sachverständigenrates sind Sie in der Öffentlichkeit sehr präsent. Zudem beraten Sie seit vielen Jahren Politik und Institutionen. Gibt es typische Missverständnisse, wenn wissenschaftliche Expertise in den politischen Diskurs einfließt? Wie kann der Transfer bestmöglich gelingen?
Ein typisches Missverständnis ist, dass Wissenschaft eindeutige Ja/Nein-Antworten liefern müsse. Seriöse wissenschaftliche Analysen betonen aber immer auch die Grenzen der Aussagekraft, Unsicherheiten und Annahmen – und das ist auch richtig so. Politik hingegen muss entscheiden und braucht dafür Orientierung. Forschung liefert Szenarien und Wahrscheinlichkeiten, keine Gewissheiten. Der Transfer gelingt am besten, wenn beide Seiten ihre Rollen klar verstehen: wenn Wissenschaft transparent über Annahmen und Grenzen kommuniziert und Politik Evidenz ernst nimmt, ohne „hundertprozentige“ Zukunftsprognosen zu erwarten. Ein offener, kontinuierlicher Austausch ist dafür entscheidend.
Könnten Sie zum Abschluss den folgenden Satz vervollständigen: „Denke ich an meine Studienzeit in Köln zurück, denke ich …
… an lange Stunden in der Bibliothek, heiße Diskussionen beim Kölsch am Abend, inspirierende Museumsbesuche, großartige Philharmonie-Konzerte am Wochenende – und an ganz viel jecken Trubel in der fünften Jahreszeit.
Und was würden Sie unseren Studierenden noch gerne mit auf den Weg geben? Haben Sie drei Tipps fürs Studium?
Erstens: Seien Sie neugierig – die spannendsten Einsichten entstehen oft dort, wo man Fragen stellt, mit denen niemand gerechnet hat.
Zweitens: Gehen Sie kritisch mit Informationen und Daten um und hinterfragen Sie ihre Belastbarkeit; das wird in nahezu jedem Berufsfeld entscheidend sein.
Drittens: Suchen Sie aktiv den Austausch – gute Ideen entstehen selten im Alleingang, sondern im Gespräch mit Menschen, die anders denken als man selbst.
Liebe Frau Professorin Schnitzer, ich danke Ihnen herzlich für Ihre Zeit und für das Gespräch!
Die Fragen stellte Pascal Tambornino