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Professor Hermann Simon im Interview

Unser Alumnus Professor Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Simon ist Gründer der Unternehmensberatung Simon-Kucher, hat sich international einen Namen als Experte für Strategie, Marketing und Pricing gemacht und gilt als einflussreichster Managementdenker der Gegenwart im deutschsprachigen Raum. Er studierte Volks- und Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln sowie an der Universität Bonn, wo er sich 1979 habilitierte. Anschließend lehrte er Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten Bielefeld und Mainz und war Präsident der European Marketing Academy. Darüber hinaus führten ihn internationale Gastprofessuren unter anderem an das Massachusetts Institute of Technology (MIT), an die Keiō University in Tokio, die Harvard Business School sowie an die Stanford University. In dieser Zeit prägte er den Begriff „Hidden Champions“, den er 1996 in seinem Buch ‚Die heimlichen Gewinner: Die Erfolgsstrategien unbekannter Weltmarktführer‘ definierte und 2021 in „Hidden Champions – Die neuen Spielregeln im chinesischen Jahrhundert“ aktualisierte. 1995 beendete er seine akademische Laufbahn und widmete sich ganz der praktischen Unternehmensberatung als CEO seiner 1985 gegründeten Unternehmensberatung Simon-Kucher, wo er nach Jahren im operativen Geschäft seit 2018 als Honorary Chairman tätig ist. Hermann Simon ist Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschien 2025 „Simon sagt! Was im Management wirklich zählt“, eine Bilanz von 50 Jahren Management-Fokus. Im Alumni-Interview sprachen wir mit ihm über das Konzept der Hidden Champions im globalen Zeitalter, wie er Simon-Kucher zu einem international führenden Consultingunternehmen aufgebaut hat und warum er jungen Leuten empfiehlt, bei der Berufswahl nicht auf ihre Eltern zu hören.

Trotz Donald Trump werdet ihr jungen Leute in einer globalisierten Welt leben. Die Globalisierung ist stärker als Trump und andere Politiker, die sie zu bekämpfen versuchen.

Professor Hermann Simon

Lieber Herr Professor Simon, Sie haben an der WiSo-Fakultät Volks- und Betriebswirtschaftslehre studiert. Welche Erinnerungen oder prägenden Erfahrungen verbinden Sie heute noch mit Ihrer Zeit an der WiSo?

Zwischen Abitur und Studium diente ich zwei Jahre bei der Luftwaffe. Zu Beginn des Studiums war ich gerade 22 Jahre alt geworden. Damit begann für mich der Ernst des Lebens, und ich wollte das Studium schnell durchziehen. Die Kölner WiSo Fakultät war größer als die entsprechende Abteilung an der Universität Bonn, und die Professoren waren stärker praxisorientiert. Es war eine sehr arbeitsintensive Zeit, aber dennoch habe ich zusammen mit einem Kommilitonen nach langen Arbeitstagen oft eine Kölner Kneipe in der Bachemer Straße besucht. Dort haben wir ein Bier getrunken und ein Mettbrötchen gegessen. Insgesamt habe ich sehr angenehme Erinnerungen an die Studienzeit in Köln.

Nach Ihrer akademischen Karriere haben Sie sich bewusst für den Weg ins Unternehmertum und die Gründung der Unternehmensberatungsfirma Simon-Kucher entschieden. Was hat Sie dazu bewogen, die Perspektive zu wechseln – von der eher forschungs- und erkenntnisorientierten, hin zur praxisnahen, beratenden Tätigkeit? Und welche Fähigkeiten aus der akademischen Welt waren dabei besonders hilfreich? 

Ich war 15 Jahre Universitätsprofessor, zunächst an der Universität Bielefeld, dann an der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Während dieser Jahre hatte ich immer die Ambition, Einfluss auf die Praxis auszuüben. Drei Jahre lang leitete ich das Universitätsseminar der Wirtschaft in Schloss Gracht bei Köln, damals das größte deutsche Weiterbildungsinstitut für Topmanager, das später in die European School for Management and Technology in Berlin überging. Zusammen mit meinen ersten Doktoranden, Eckhard Kucher und Karl-Heinz Sebastian, gründete ich 1985 die Beratungsfirma Simon-Kucher. 1994 entschloss ich mich, meine Professur aufzugeben und das Unternehmen full-time zu leiten. Das tat ich für 15 Jahre, bis 2009. Unser Spezialthema war Pricing. Auf diesem Gebiet erwies sich unsere sehr tiefgehende wissenschaftliche Ausbildung als eine solide Grundlage. Im Kern haben wir Erkenntnisse aus der Wissenschaft auf die Praxis übertragen. Das hat zunehmend gut funktioniert.

Unser Spezialthema war Pricing. Auf diesem Gebiet erwies sich unsere sehr tiefgehende wissenschaftliche Ausbildung als eine solide Grundlage. Im Kern haben wir Erkenntnisse aus der Wissenschaft auf die Praxis übertragen.

Professor Hermann Simon

In der ersten Zeit war die Beratung von Simon-Kucher vor allem geprägt von wissenschaftlichen Methoden, heute ist Simon-Kucher Weltmarktführer in der Preis- und Wachstumsberatung. Wie haben Sie die 40-jährige Erfolgsgeschichte von Simon-Kucher erlebt? Gab es besondere Wegmarken, die für die Entwicklung des Unternehmens besonders wichtig waren?

Wir haben heute 2200 Mitarbeiter, die in 47 Büros in der ganzen Welt arbeiten. Auf unserem Spezialgebiet sind wir unbestrittener Weltmarktführer. Es gab mehrere entscheidende Wegmarken. Als ich 1994 full-time an Bord kam, haben wir eine Strategie für die nächsten zehn Jahre formuliert. Ein Satz darin war: „Wir wollen ein globales Consultingunternehmen werden.“ Das hatte als Konsequenz, dass wir unser zweites Büro nach Bonn in Boston eröffneten. Wenn man ein globales Consultingunternehmen werden will, muss man sich im amerikanischen Markt, der Höhle des Löwen im Consulting, bewähren. Ein Büro in Wien oder Zürich hilft einem da nicht weiter. Dieser Schritt nach Amerika war für uns entscheidend. Es dauerte lange, dort ein angemessenes Geschäft aufzubauen. Heute sind wir in Amerika größer als in Deutschland. Darauf bin ich besonders stolz. Dieses Büro in Amerika war unser Start in die Globalisierung. Ein zweiter entscheidender Punkt ist unser Partnermodell. Wir haben ein marktwirtschaftliches Eigentümermodell, die Firma ist ausschließlich im Besitz der Partner. Wir haben sehr früh Anteile an junge Partner abgegeben. Mein Ziel und das der beiden Mitgründer war, die Firma unabhängig zu halten, und nicht, sie an eine große Beratung zu verkaufen. Das ist uns gelungen. Heute haben wir 230 Partner, die Eigentümer des Unternehmens sind. Der Schritt nach Amerika und das Partnermodell sind die wichtigsten Elemente unseres Erfolges.

Auch an der WiSo und der Universität zu Köln ist ein lebendiger Gründergeist spürbar, der nicht zuletzt auch in unserem Lehrstuhl für Entrepreneurship und Management rund um Professor Christian Schwens und sein Team sowie im Gateway Exzellenz Start-up Center der Universität zu Köln seinen Ausdruck findet. Welche Vorteile sehen Sie in Unternehmensgründungen im Hochschulkontext? Und woran fehlt es im deutschen Start-up Ökosystem eventuell noch?

Man muss leider insgesamt für Deutschland feststellen, dass es viel zu wenige Unternehmensgründungen gibt. Das liegt nicht an der wissenschaftlichen Exzellenz, sondern ist eher ein kulturelles Phänomen. In vielen Fällen dürften die Eltern eine bremsende Rolle spielen. Ihnen ist es lieber, wenn die Kinder Beamte werden oder in einem scheinbar sicheren Großunternehmen arbeiten. Deshalb rate ich jungen Leuten, bei der Berufswahl nicht auf ihre Eltern zu hören. Gottseidank gibt es einige Professoren, auch in Köln, die Unternehmertum und Selbständigkeit propagieren. Leider ist das nicht generell oder in großer Breite der Fall. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Hochschul- oder Universitätsprofessoren oft zu wenig Praxiserfahrung haben, bzw. ihre Interessen eher auf Großunternehmen ausgerichtet sind. Der Mangel an Neugründungen hat tiefsitzende gesellschaftliche und akademische Ursachen, die ich auch nicht voll verstehe.

Der Mangel an Neugründungen hat tiefsitzende gesellschaftliche und akademische Ursachen, die ich auch nicht voll verstehe.

Professor Hermann Simon

Über die Hidden Champions haben Sie bereits 1990 in einem Aufsatz geschrieben und den Begriff dann 2021 in Ihrem Buch ‚Hidden Champions – Die neuen Spielregeln im chinesischen Jahrhundert‘ detailliert aktualisiert und geschärft. Sie haben mit diesem Begriff den Erfolg des deutschen Exports erklärt. Hat sich das Konzept in den letzten 30 Jahren gewandelt? Und wie würden Sie die Situation für mittelständische Unternehmen aus Deutschland heute mit Blick auf die globale Wirtschaft beschreiben?

Im Jahre 1987 besuchte mich der berühmte Harvard-Professor Theodore Levitt. Er hatte den Begriff „Globalisierung“ populär gemacht und interessierte sich insofern für die Wettbewerbsfähigkeit von Ländern. Er stellte mir die einfache Frage: „Warum sind die Deutschen im Export so erfolgreich?“ Gerade im Jahr zuvor waren wir zum ersten Mal Exportweltmeister geworden. Diese Frage ließ mich nicht mehr los. Ich beauftragte dann Diplom- und Doktorarbeiten zu dem Thema und kam zu dem Schluss, dass unser Exporterfolg nicht an den wenigen Großunternehmen hängt, sondern durch den breiten Mittelstand angetrieben wird. Wir haben sehr viele mittelständische Weltmarktführer, die unbekannt sind. Deshalb nannte ich sie „Hidden Champions“, was nach einem Widerspruch klingt. 

In den letzten Jahren spielen die Themen Digitalisierung und künstliche Intelligenz eine zunehmend wichtige Rolle. Auch hier sind diese Unternehmen sehr innovativ. Das wird allerdings in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, da es sich bei den meisten Hidden Champions um industrielle Prozesse handelt, von denen der Normalverbraucher wenig weiß und versteht.

Professor Hermann Simon

Zwei Dinge haben sich in den letzten 30 Jahren geändert. Das eine ist die Globalisierung. Diese Unternehmen sind heute in der ganzen Welt mit Tochtergesellschaften präsent. Oft haben sie mehr als 50 dieser Töchter, manche mehr als 100, wie z.B. Kärcher mit 170 oder Würth mit über 400. Der zweite große Unterschied besteht in Innovationen. Hidden Champions innovieren kontinuierlich, wobei es sich weniger um Durchbruchsinnovationen, sondern eher um ständige Verbesserungen handelt. In den letzten Jahren spielen die Themen Digitalisierung und künstliche Intelligenz eine zunehmend wichtige Rolle. Auch hier sind diese Unternehmen sehr innovativ. Das wird allerdings in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, da es sich bei den meisten Hidden Champions um industrielle Prozesse handelt, von denen der Normalverbraucher wenig weiß und versteht. Ein Beispiel: Apple hat alleine in Deutschland 767 Zulieferer.

Könnten Sie zum Abschluss den folgenden Satz vervollständigen: Denke ich an meine Studienzeit in Köln zurück, denke ich…

… an eine Erweiterung meines Horizontes in Richtung Unternehmen und Wirtschaft. Ich komme von einem kleinen Bauernhof in der Eifel und hatte insofern wenig Kontakt zu Unternehmen und zu ökonomischem Wissen. Das Studium in Köln brachte mich in dieser Hinsicht stark voran. 

Per aspera ad astra, auf rauen Pfaden zu den Sternen.

Professor Hermann Simon

Und was würden Sie unseren Studierenden noch gerne mit auf den Weg geben? Haben Sie drei Tipps fürs Studium?

Meine Erfahrungen aus 50 Jahren habe ich in meinem neuen Spiegel-Bestseller „SIMON SAGT! Was im Management wirklich zählt“ zusammengefasst. Hier gebe ich drei Vorschläge. Erstens, plane heute nicht, wo du in 30 oder 40 Jahren stehen willst, sondern mache das, was du gerade tust, möglichst gut. Dann werden sich Chancen eröffnen. Zweitens, versuche während des Studiums internationale Erfahrung zu gewinnen, z.B. durch Praktika oder Studienaustausche. Das gab es zu meiner Zeit kaum, aber heute eröffnen sich diesbezüglich viele Möglichkeiten. Eins ist sicher: Trotz Donald Trump werdet ihr jungen Leute in einer globalisierten Welt leben. Die Globalisierung ist stärker als Trump und andere Politiker, die sie zu bekämpfen versuchen. Drittens gebe ich euch meinen Lieblingsspruch „per aspera ad astra“ mit auf den Weg. Das heißt „auf rauen Pfaden zu den Sternen“. Ihr müsst eine Vision und vor allem die Ambition haben, etwas zu erreichen, aber ihr solltet euch darüber im Klaren sein, dass dieses Ziel nicht auf glatten Wegen zu gewinnen ist, sondern dass es Hindernisse und Stolpersteine geben wird. Das Ziel darfst du nicht aus den Augen verlieren, die Hindernisse musst du mit Ausdauer und Geduld überwinden. Also: Per aspera ad astra, auf rauen Pfaden zu den Sternen.

Lieber Herr Professor Simon, ich bedanke mich für Ihre Zeit und für das Interview.

Die Fragen stellte Pascal Tambornino

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