Verantwortung, Chancengerechtigkeit und Nachhaltigkeit an der WiSo
Interview mit Prof. Dr. Martina Fuchs, Erste Prodekanin und Nachhaltigkeitsbeauftragte der WiSo-Fakultät
Es geht um den Kurs, den wir für die Fakultät in Zukunft einschlagen wollen.
Als Erste Prodekanin gestaltet Prof. Dr. Martina Fuchs die Zukunft der WiSo-Fakultät in drei Schlüsselbereichen: Chancengleichheit, Antidiskriminierung und Nachhaltigkeit. Im Interview erklärt sie, wie sie diese Themen strategisch in der Fakultät verankert – weit über reine Einzelmaßnahmen hinaus. Ihr Credo: Wissenschaftliche Exzellenz, gesellschaftliche Verantwortung und institutionelles Entwicklung fest miteinander verknüpfen.
Frau Professorin Fuchs, Sie haben mit den Bereichen „Chancengerechtigkeit“, „Antidiskriminierung“ und „Nachhaltigkeit“ neue Aufgaben im WiSo-Dekanat übernommen. Was bedeutet diese Rolle für Sie persönlich?
Diese Themen sind sowohl für unsere Gesellschaft als auch ganz konkret für das Miteinander an unserer Universität und an unserer Fakultät von zentraler Bedeutung. Das 125-jährige Jubiläum der WiSo ist ein besonderer Anlass, um erneut nach Antworten auf die Frage zu suchen, wohin unser Weg in die Zukunft führt – geleitet von den Grundsätzen exzellenter Forschung, hervorragender Lehre sowie guter Arbeits- und Studienbedingungen.
Wie sehen Sie Ihre Rolle im Verhältnis zur Fakultät und ihren Fachbereichen?
Im Dekanat arbeiten wir kooperativ, strukturiert und arbeitsteilig auf diese Ziele hin. Dabei beziehen wir die verschiedenen Interessengruppen ein, darunter auch die Studierenden- und Personalvertretungen unserer Fakultät, und stimmen uns eng mit den Prorektoraten ab. Zudem stehen wir in regelmäßigem Austausch mit den Beauftragten für Chancengleichheit, Inklusion und Nachhaltigkeit sowohl auf Rektorats- als auch auf WiSo-Fakultätsebene.
Chancengerechtigkeit muss in institutionellen Strukturen verankert werden
Der Entwicklungsplan 2025–2029 enthält zahlreiche Maßnahmen zur Förderung der Chancengleichheit. Was sieht dieser Plan konkret vor?
Der Entwicklungsplan der Universität zu Köln konkretisiert die Themen Chancengleichheit, Antidiskriminierung und Geschlechtergerechtigkeit für alle Fakultäten. Er umfasst die Bereiche Geschlechtergleichstellung, Familienfreundlichkeit, Bildungsgerechtigkeit, Inklusion, kritische Auseinandersetzung mit Rassismus und Antisemitismus, Antidiskriminierung sowie Gender- und Queer-Studien und die strukturelle Verankerung dieser Handlungsfelder. Diese Bereiche werden in Projekte und Maßnahmen umgesetzt, die jede Fakultät entsprechend ihren spezifischen Anforderungen selbst identifiziert und formuliert.
Und was bedeutet das konkret für die WiSo-Fakultät?
Ein zentrales Ziel war und ist es, den Anteil weiblicher Professorinnen an unserer Fakultät zu erhöhen. Unser wissenschaftliches Personal ist nach wie vor überwiegend männlich. Aus diesem Grund suchen wir bei Einstellungsverfahren aktiv nach weiblichen Kandidatinnen und sprechen diese direkt an. Unsere Gleichstellungsbeauftragten sind in alle Berufungsverfahren eingebunden und haben ein Mitspracherecht; die zentrale Gleichstellungsbeauftragte kann bei Bedarf ein Veto einlegen.
Die Förderung von Wissenschaftlerinnen ist nicht nur wichtig, um Diskriminierung im akademischen Bereich entgegenzuwirken. Professorinnen dienen auch als wichtige Vorbilder für Nachwuchswissenschaftlerinnen. Solche Vorbilder sind daher von entscheidender Bedeutung.
"My Impact ist to inspire humans developing sustainable ideas for themselves and their society."
Jean-Patrick,
B.Sc. Management, Economics and Social Sciences
Wie findet der Austausch zu diesen Themen statt?
Ich habe verschiedene Gespräche mit Personal- und Studierendenvertretenden geführt, und dieser Austausch setzen wir fort. Es gibt auch Foren wie die „Task Force Gender und Vielfalt“. Darüber hinaus bieten wir Workshops an, zum Beispiel zum Thema „unconscious bias“, in denen es darum geht, dass wir oft von unbewussten Vorurteilen beeinflusst werden, die unser Denken und unsere Entscheidungsfindung beeinflussen. Es gibt also weitgehend verborgene Denkmuster, die nicht unbedingt unserem Selbstbild entsprechen – zum Beispiel dem Bild von uns selbst als aufgeschlossene und faire Menschen, die sich für andere einsetzen. Es ist jedoch möglich, zu lernen, darüber nachzudenken und dadurch die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln.
Nachhaltigkeit bedeutet, auch an künftige Generationen zu denken.
Wo fangen Sie konkret innerhalb der WiSo-Fakultät an?
Wie auch beim Thema Chancengleichheit baue ich auf bestehenden Aktivitäten auf. Insbesondere mein Kollege Gerold Gnau, Geschäftsführer der WiSo-Fakultät, hat bereits wichtige Maßnahmen initiiert und umgesetzt. Ein Beispiel dafür ist die Pflege enger Beziehungen zum Prorektorat für Nachhaltigkeit, ein weiteres sind die WiSo-WiSo Sustainability Days.
Eine weitere Initiative ist der WiSo Sustainability Award, der herausragende Publikationen von Nachwuchswissenschaftler:innen an unserer Fakultät würdigen soll.
Was möchten Sie mit dem Award erreichen?
Die Auswahl der Publikationen basiert auf drei Kriterien: Relevanz für die Nachhaltigkeit, wissenschaftliche Innovationskraft und praktische Relevanz. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert. Teilnahmeberechtigt sind alle wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen, d. h. Doktorand:innen und Postdocs sowie Juniorprofessor:innen unserer Fakultät, die ihre Halbzeitbewertung noch nicht durchlaufen haben. Der Preis wird persönlich im Rahmen des WiSo-Weihnachtsempfangs überreicht.
Welche weiteren Aktivitäten gibt es im Bereich Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit ist strategisch fest in unserer Fakultät verankert und daher auch Teil anstehender Akkreditierungsverfahren, vor allem in der Societal Impact Strategy. Auch das Rektorat der Universität zu Köln ist ein wichtiger Partner in Fragen der Nachhaltigkeit. So habe ich beispielsweise im letzten Semester einen Vortrag im Rahmen der „Sustainability Lunch Talks Series“ gehalten, und wir beteiligen uns am „Summer of Sustainability“, den die Universität im Sommer 2026 ausrichten wird.
Erwähnenswert ist außerdem, dass die WiSo-Fakultät im nächsten Jahr gemeinsam mit dem Prodekan für Nachhaltigkeit das „Forum Sustainability“ ausrichten wird.
Verantwortung bedeutet auch, die eigene Position kritisch zu hinterfragen.
Auf der Website „Verantwortung und Impact“ werden Chancengerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Ethik unter einem Leitthema zusammengeführt. Was möchten Sie damit zum Ausdruck bringen?
Verantwortung und das Bewusstsein für die Wirkung von Forschung und Lehre ziehen sich – je nach Fachgebiet – durch den gesamten Forschungsprozess und sind daher auch in vielen Lehrkontexten von Bedeutung. Das gilt insbesondere für Disziplinen, die sich mit Fragestellungen befassen, die sowohl wissenschaftliche als auch gesellschaftliche Probleme betreffen.
Mir ist wichtig zu betonen, dass Verantwortung und Impact keineswegs einen Eingriff in die Freiheit von Forschung und Lehre bedeuten. Forschung und Lehre müssen unabhängig von außerwissenschaftlichen Interessen bleiben und der Wahrheitsfindung verpflichtet sein.
Wie können Studierende und Wissenschaftler dazu beitragen?
Forschende, Lehrende und Studierende müssen ihrem Forschungsgegenstand – und sich selbst – stets kritisch gegenüberstehen. Ob bewusst oder unbewusst: Wir nehmen immer auch eine normative Position in Bezug auf Chancengerechtigkeit und Nachhaltigkeit ein. Entscheidend ist, dass jede:r dies reflektiert und die eigene ethische sowie erkenntnistheoretische Positionierung bewusst vornimmt.
Was motiviert Sie persönlich in Ihrer Arbeit?
Wir müssen die aktuellen Herausforderungen vor denen unsere Gesellschaft steht, sowohl gesellschaftlich als auch wissenschaftlich angehen – und es ist möglich, auf den Feldern Chancengerechtigkeit und Nachhaltigkeit Verbesserungen zu erreichen. Dieses Bewusstsein prägt meine Arbeit jeden Tag: Veränderung ist nicht nur notwendig, sondern auch realistisch erreichbar, wenn wir sie gemeinsam konsequent verfolgen.
Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Fuchs.