Eine neue Studie der Professoren Francesco Cinnirella, Erik Hornung und Julius Koschnick beleuchtet einen entscheidenden Treiber von Innovation während Deutschlands Industrialisierung: ökonomische Gesellschaften. Die offen zugängliche Veröffentlichung im Economic Journal mit dem Titel „Flow of Ideas: Economic Societies and the Rise of Useful Knowledge“ zeigt, dass diese heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Institutionen über mehr als ein Jahrhundert hinweg eine maßgebliche Rolle für regionalen technologischen Fortschritt spielten.
Ökonomische Gesellschaften, die sich ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in ganz Europa gründeten, verfolgten das Ziel, wirtschaftlichen Fortschritt durch das Sammeln, Produzieren und Verbreiten von nützlichem Wissen zu fördern. In Deutschland entstanden diese Gesellschaften nach dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763) im Zuge von Reformbemühungen, häufig unter staatlicher Initiative. Anders als in Großbritannien oder Frankreich, wo solche Vereine ihren Sitz häufig in Hauptstädten hatten, entwickelte sich in Deutschland eine dezentrale Struktur mit Gesellschaften in vielen verschiedenen Städten und Regionen.
Die Forscher nutzen diese regionale Verbreitung aus und setzen sie mit langfristiger Innovationskraft in Verbindung. Dafür haben sie erfasst, wo die rund 3.300 Mitglieder der Gesellschaften lebten, und untersucht, ob diese Orte später mehr Patentanmeldungen hatten und Innovationen bei der Weltausstellung in Wien ausstellten. Francesco Cinnirella, Erik Hornung und Julius Koschnick erkennen so ein klares Muster: Je mehr Mitglieder eine Region zählten, desto innovativer war sie. Besonders deutlich zeigte sich dieser Effekt während der Zweiten Industriellen Revolution, mit bis zu 25 % höherer Patentaktivität in Regionen mit starken Netzwerken solcher Gesellschaften.
Welche Mechanismen erklären diesen Zusammenhang? Die Autoren argumentieren, dass ökonomische Gesellschaften ein Umfeld schufen, in denen Wissen leichter zirkulieren konnte. Durch öffentliche Vorträge, technische Zeitschriften, Preisausschreiben und Bibliotheken senkten sie die Zugangshürden zu neuen wissenschaftlichen Ideen. Zudem unterstützten sie die Gründung von Gewerbeschulen, in denen qualifizierte Mechaniker ausgebildet wurden, die für den technologischen Wandel des 19. Jahrhunderts entscheidend waren.
Bemerkenswerterweise investierten Mitglieder derselben Gesellschaft, die in verschiedenen Regionen ansässig waren, häufig in ähnliche Industriezweige, was darauf hindeutet, dass der Wissensaustausch in diesen Gruppen die Richtung des technischen Wandels beeinflusste. Im Laufe der Zeit führte dies zu regionaler Spezialisierung und pfadabhängiger Entwicklung – mit Auswirkungen, die vergleichbar sind mit dem Bau von Eisenbahnlinien.
Diese Erkenntnisse spiegeln auch die Gründungsidee von Institutionen wie der Handelshochschule in Köln wider, die 1901 gegründet wurde. Sie entstand aus dem Anspruch, akademisches Wissen mit wirtschaftlicher Praxis zu verbinden – zu einer Zeit, als der Wert von angewandtem Wissen und strukturierter beruflicher Ausbildung zunehmend anerkannt wurde. Eine Entwicklung, die laut Studie auf den Einfluss der ökonomischen Gesellschaften zurückgeht.
Die vollständige Studie ist als Open Access verfügbar und leistet einen Beitrag zu aktuellen Debatten über die sozialen Wurzeln von Innovation, die Rolle informeller Bildung und die langfristigen Effekte von Wissensverbreitung.