„Wahlen ändern nichts?“ Doch! Und möglicherweise mehr als nur die Regierungspartei. Wahlen können die Vorstellungen der Menschen darüber verändern, was ethisch richtig und was falsch ist und das rasch. Das zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Studie von WiSo Forscher Christoph Oslislo, Arno Apffelstaedt und Jana Freundt (Uni Fribourg). Anhand eines Online-Experiments fanden die drei Wissenschaftler:innen kausale Beweise für die Auswirkungen von Wahlen auf soziale Normen.
Soziale Normen gelten gemeinhin als langlebige soziale Konstrukte. Beobachtungen aus jüngerer Zeit legen allerdings die Vermutung nah, dass sich soziale Normen infolge von Wahlergebnissen schnell verändern können. So erlebte etwa das Vereinigte Königreich nach dem Brexit Referendum einen starken Anstieg von Hassverbrechen, den unter anderem ein Bericht der Vereinten Nationen darauf zurückführt, dass sich aufgrund der Abstimmung "einwanderer- und ausländerfeindliche Rhetorik 'normalisiert'“ habe. Andererseits liefern Forschungsergebnisse aus den USA und aus Deutschland Hinweise darauf, dass sich Wahlerfolge weiblicher Kandidat:innen positiv auf die Einstellung gegenüber Frauen bei Wahlen und am Arbeitsplatz ausgewirkt haben.
In einem Experiment mit rund 500 Teilnehmer:innen untersuchten nun Arno Apffelstaedt (Seminar für Unternehmensentwicklung und Wirtschaftsethik der WiSo-Fakultät Christoph Oslislo, vom Institut für Wirtschaftspolitik an der Universität zu Köln (iwp) und Jana Freundt von der Universität Fribourg (Schweiz) wie Proband:innen die soziale Angemessenheit des Teilens von Einkommen mit ärmeren Personen bewerteten.
Wurde keine Regel vorgegeben, wurde das Teilen weithin als sozial angemessen betrachtet.
Eine als Folge eines Referendums eingeführte Regel, die nun vorgab, Einkommen nicht zu teilen, untergrub diesen Konsens und erhöhte die Streuung in der Bewertung der Handlungsoptionen beträchtlich.Handlungen, die zuvor als sozial unangemessen beurteilt wurden (kein Teilen), können demnach durch Wahlergebnisse sozial angemessen werden. Dies gilt im Übrigen auch im umgekehrten Fall der Vorgabe einer prosozialen Regel (Teilen), wenn auch mit deutlich kleinerem Effekt.
Durch ihr Setting konnten Christoph Oslislo, Arno Apffelstaed und Jana Freundt andere gesellschaftliche Faktoren, die sich auf die Veränderung von Normen auswirken und die möglicherweise mit den Wahlergebnissen korrelieren, ausschließen. Insofern liefert die Studie erstmals den kausalen Beweis für den Einfluss von gewählten Regeln auf soziale Normen.
Der Einfluss der Wahl auf die sozialen Normen zeigte sich in abgeschwächter Form auch dann, wenn das Wahlverfahren demokratisch fehlerhaft war, etwa bei Einführung einer Wahlgebühr oder "Wahlsteuer", der Bestechung von Wähler:innen oder der Entmündigung ärmerer Wähler:innen.
- Der Beitrag wurde nun veröffentlicht in einem Special Issue zu sozialen Normen im Journal of Economic Behavior and Organization.
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