Junge Menschen entscheiden sich häufig für ein Studienfach, ohne sich ohne die große Bandbreite der gut bezahlten Berufe zu kennen, die ihnen offenstehen. Zwar können Vorbilder aus dem persönlichen Umfeld die Berufswahl beeinflussen, ihre Wirkung ist jedoch meist begrenzt und Jugendliche kommen so in der Regel nur mit einzelnen Personen aus bestimmten Berufsfeldern in Kontakt. Warum also nicht nicht digitale Tools und Technologien nutzen, um jungen Menschen eine größere Vielfalt an Berufen näherzubringen und ihnen neue Lebensperspektiven aufzuzeigen?
Im Rahmen des Projekts „Showing Life Opportunities“ untersuchte das Team um Mona Mensmann diese Frage im Rahmen einer landesweiten randomisierten kontrollierten Studie mit einer außergewöhnlich hohen Teilnahmequote von 94 Prozent unter Tausenden von Schüler:innen in Ecuador. Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit digital vermittelter Vorbilder zu testen. Dafür erhielten die Schülerinnen und Schüler Zugang zu Online-Videointerviews mit Menschen aus unterschiedlichen Berufsfeldern. Die Videos präsentierten sowohl Vorbilder aus MINT-Berufen – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – als auch aus unternehmerischen Tätigkeiten. Die Schülerinnen und Schüler wurden zufällig Vorbildern unterschiedlichen Geschlechts zugeteilt. Sowohl die Förderung von MINT-Fächern als auch die Unterstützung innovativen Unternehmertums sind zentrale Bestandteile der nationalen Strategie Ecuadors zur Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität.
Die Studie zeigte zunächst einmal, dass ein solches digitales Angebot kostengünstig und erfolgreich umgesetzt werden kann: Die Durchführung verursachte lediglich Kosten von 86 Cent pro Schülerin beziehungsweise Schüler.
Darüber hinaus ergab sich überraschenderweise, dass sich die Studienfachwahl der Jugendlichen teilweise von MINT-Fächern hin zu alternativen Karrierewegen verschiebt. Dabei zeigte sich unabhängig vom Geschlecht der vorgestellten Vorbilder, dass insbesondere Mädchen, die mehrere Vorbilder erlebten, seltener ein MINT-Studienfach wählten und sich stattdessen häufiger für wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge entschieden.
Auch Jungen tendieren dazu, sich bei der Studienfachwahl von den MINT-Fächern ab- und sich anderen Studiengängen wie der Agrarwissenschaft zuzuwenden. Aber warum? Die Autoren vermuten, dass dies zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass den Studierenden Vorbilder präsentiert wurden, die Unternehmertum als alternativen Karriereweg aufzeigen. Die MINT-Vorbilder wurden von den Studierenden so wahrgenommen, dass sie MINT-Berufe als anspruchsvoller, stärker von Männern geprägt und gesellschaftlich weniger anerkannt darstellten als unternehmerische Tätigkeiten.
- zur Studie:
Igor Asanov, Thomas Åstebro, Guido Buenstorf, Bruno Crépon, Francisco P. Flores-Taipe, David McKenzie, Mona Mensmann und Mathis Schulte (2026): Remote delivery of STEM and entrepreneurship role models at scale changes college major choice in Ecuador. Nature Human Behaviour.:
https://www.nature.com/articles/s41562-026-02421-8
- Prof. Dr. Mona Mensmann bei "Professor:innen A bis Z"
- Projekt „Showing Life Opportunities“
- Exzellenzcluster ECONtribute: Markets & Public Policy
Das Projekt „Showing Life Opportunities“ untersucht, wie Online-Bildungskurse genutzt werden können, um junge Menschen für Unternehmertum und Karrieren in Wissenschaft und Technik zu begeistern. Das INCHER-Kassel führt das Projekt in Zusammenarbeit mit dem ecuadorianischen Bildungsministerium, der Weltbank, Labex ECODEC ENSAE, der HEC Paris und der Universität zu Köln durch.
Die Ergebnisse der aktuellen Studie unterstreichen nicht nur die wissenschaftliche Relevanz des Projekts, sondern verdeutlichen zugleich dessen internationale Sichtbarkeit und nachhaltige Wirkung in Forschung und Praxis.
Bereits im Jahr 2021 wurde das Projekt „Showing Life Opportunities“ (SLO) mit dem renommierten „Path to Scale Award“ von Innovations for Poverty Action ausgezeichnet, verliehen von Innovations for Poverty Action, einer in den USA ansässigen gemeinnützigen Organisation, die experimentelle Forschung in der Entwicklungsökonomie fördert. Die Auszeichnung würdigt die Erfolge von SLO bei der Übertragung von Interventionen aus spezifischen experimentellen Kontexten in groß angelegte Anwendungen.
Darüber hinaus wurde 2023 der Artikel „System-, Teacher-, and Student-level Interventions for Improving Participation in Online Learning at Scale in High Schools“ von Igor Asanov, Anastasiya-Mariya Asanov (Noha), Thomas Åstebro, Guido Buenstorf, Bruno Crépon, David McKenzie, Francisco Pablo Flores T., Mona Mensmann und Mathis Schulte in den renommierten Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht, einer der weltweit meistzitierten und umfassendsten multidisziplinären Fachzeitschriften.